Video: Ihre freundlichen Hausbesetzer*innen von nebenan


Die Eingangstür ist für die ankommenden Besetzer*innen und Unterstützer*innen weit geöffnet. In einem Haus im südthüringischen Ilmenau herrscht Samstag früh um 9 Uhr reges Treiben. Vor dem Haus der Langewiesener Straße 17 steht ein langer Tisch mit Informationen für Passant*innen und Interessierte. Nicht nur Kuchen und Kaffee laden zum Verweilen ein, auch das Wetter meint es gut mit den Besetzer*innen. Die Sonne strahlt, der Wind verteilt die bereit gelegten Flyer. An diesem 19. Oktober 2013 herrscht gute Stimmung. Die nun schon länger leerstehende „Lange 17“ soll sozialen Wohnraum bieten, aber vor allem ein Freiraum für Kultur und Politik in Ilmenau schaffen.
Der erste Kontakt mit zwei Streifenpolizisten beunruhigt die Besetzer*innen nicht. Ihnen wird „maximales Gelingen“ gewünscht. Die Beamten sind schnell verschwunden, dennoch bleibt ein mulmiges Gefühl zurück. Eine Hausbesetzung ohne Polizeieinsatz? In Thüringen nach der gewaltsamen Räumung des Besetzen Hauses 2009 in Erfurt nicht denkbar. Dennoch bleibt die Hoffnung am nächsten Tag ein erstes öffentliches Treffen im neuen Haus zu veranstalten, zu dem sich über Möglichkeiten der Nutzung ausgetauscht werden könnte.
Bis zum Nachmittag werden alle anwesenden Nachbar*innen persönlich angesprochen. Die Besetzer*innen klingeln an den Türen und stellen sich und ihr Anliegen vor. Die Reaktionen sind fast ausschließlich positiv, die Aktion erhält vielfältige Unterstützung. Es gibt warmes Essen quasi von „nebenan“. Viele Menschen zeigen sich solidarisch, fragen nach und bieten ihre Hilfe für den Aufbau an. Mitunter hält unmittelbar vor dem Haus ein Auto und es wird sich neugierig erkundigt, was hier passiert. „Weitermachen!“ heißt ein ermunternder Zuruf, die Initiative der Besetzer*innen hat wohl einen Nerv getroffen. Auch im Internet sind diverse Solidaritätsbekundungen zu finden.
Dennoch ist gegen 16:30 Uhr Schluss mit guter Laune. Die Polizei rückt im Großaufgebot an. Kurze Zeit später erscheint eine Delegation geballter Autorität und Zuständigkeit. Ordnungsamtsleiter, Hausverwaltungsvertreter, Bürgermeister und Oberpolizist leiten das Ende der Besetzung ein. Das Haus sei baufällig, die Nutzung zur Gefahrenabwehr untersagt. Auch die private Eigentümerin, nicht in Ilmenau ansässig, ist informiert und spricht den Besetzer*innen mittels Hausverwaltung ein Hausverbot aus. Erst 10 Minuten, nach zähem Drängen sind es doch 15 Minuten, die das Zeitmaß angeben, wann das Haus geräumt sein soll. Erst nachdem Bürgermeister Tischer den Besetzer*innen vor Ort auch schriftlich zusichert, dass es zu Verhandlungen mit der Stadt über die Anliegen der Aktion geben wird, stimmen die Besetzer*innen zu und verlassen das Haus.
Doch endet so der Tag nicht ganz abrupt. Gegen 19 Uhr startet eine spontan angemeldete Demonstration durch die Ilmenauer Innenstadt, um auf die Geschehnisse aufmerksam zu machen. Die Forderungen nach Wohnraum und sozialen Freiräumen werden lautstark auf die Straße getragen. So streifen etwa 40 Menschen durch die Dunkelheit, mit Transparenten, die kurz zuvor noch das besetzte Haus schmückten.
So ist die „Lange 17“ am Abend schon wieder Geschichte. Nach Angaben des Bürgermeister Tischer soll das Gebäude bald abgerissen werden. Pläne für die Wiederbebauung des Grundstücks gäbe es ebenfalls bereits. Sicher scheint vorerst: Ein weiteres Mal wird ein leerstehendes Haus auch in Zukunft ein solches bleiben. Und draußen stehen die, denen es nicht gehört, aber die es gut gebrauchen könnten.